Warum 70 % der Bau-Angebote nicht vergleichbar sind
Bis 2040 steigen die weltweiten Bauausgaben auf rund 22 Billionen Dollar. Der größte Produktivitätshebel läuft bis heute manuell: die Prüfung und der Vergleich von Angeboten.
- Nur in etwa 30 % der Vergaben ordnen sich Angebote sauber dem Leistungsverzeichnis zu. In den übrigen rund 70 % antworten Bieter mit eigener Struktur.
- Die Beschaffung macht 40–70 % der Ausgaben eines Bauunternehmens aus und ist einer der am wenigsten digitalisierten Prozesse.
- Eine niedrigere Endsumme bedeutet oft weniger bepreiste Positionen, nicht ein günstigeres Angebot.
- McKinsey beziffert das KI-Effizienzpotenzial im Einkauf auf 25–40 %. Die Entscheidung bleibt beim Menschen.
Zusammenfassung, Rund 70 % der Bau-Angebote sind nicht direkt vergleichbar, weil Bieter ihre eigene Struktur kalkulieren, Positionen bündeln oder teilen oder Alternativen anbieten. Eine belastbare Angebotsprüfung ordnet jede Position dem LV zu, berechnet vergleichbare Einheitspreise, verliert keine Zusatzangebote und macht Deckungslücken sichtbar.
Ein Einkäufer öffnet drei Angebote für dasselbe Gewerk. Das erste ordnet die Positionen sauber nach Leistungsverzeichnis. Das zweite fasst halb so viele Positionen in einer eigenen Struktur zusammen. Das dritte ist eine funktionale Beschreibung ohne jede Position. Alle drei nennen einen Gesamtpreis, und keiner dieser Preise ist mit den anderen vergleichbar.
Solche Situationen gehören in der Vergabe zum Alltag. Und genau das ist der Grund, warum einer der größten Produktivitätshebel der Baubranche bis heute weitgehend brachliegt.
Eine 22-Billionen-Industrie mit einem Produktivitätsproblem
Laut McKinsey steigen die weltweiten Bauausgaben von 13 Billionen US-Dollar (2023) auf rund 22 Billionen US-Dollar bis 2040. Höhere Produktivität ist damit, so die Analyse, nicht mehr optional.
Während andere Branchen seit Jahrzehnten produktiver werden, tritt der Bau auf der Stelle: Zwischen 2000 und 2022 stieg die Bau-Produktivität global um magere 10 %. Die Gesamtwirtschaft legte im gleichen Zeitraum um 50 % zu, die Industrie sogar um 90 %.
In Deutschland ist das Bild noch schärfer. Das Bauvolumen lag 2024 bei 554,8 Milliarden Euro, real aber im fünften Jahr in Folge rückläufig. Die Produktivität am Bau ist laut einem Gutachten des IW Köln seit den 1990er-Jahren nicht mehr gestiegen, trotz wachsender Investitionen.
Der übersehene Hebel: Ausschreibung und Vergabe
Wenn man fragt, wo im Bau am meisten Produktivität schlummert, landet man selten zuerst bei der Vergabe. Dabei ist sie einer der größten manuellen Engpässe überhaupt.
Beschaffung macht bei einem Bauunternehmen typischerweise 40 bis 70 % der gesamten Ausgaben aus. Es ist der Prozess, in dem am meisten Geld bewegt und über Marge entschieden wird. Und gleichzeitig ist es der Prozess, der am wenigsten digitalisiert ist: In Deutschland laufen laut OECD-Daten nur 4,5 % der Bau-Beschaffung digital ab.
Viel Volumen, viel Marge, und trotzdem Excel, E-Mail und PDF. Genau hier liegt der Hebel.
Warum Angebote vergleichen so schwer ist
Die naive Annahme lautet: Man schreibt ein Leistungsverzeichnis, die Bieter tragen Preise ein, man vergleicht. In der Realität funktioniert das nur in etwa 30 % der Fälle. In den anderen rund 70 % antworten die Bieter nicht auf die gestellte Frage: Sie bieten das an, was sie haben.
Ein Betonfertigteil-Hersteller bietet Fertigteile an, auch wenn das LV eine Ortbeton-Lösung verlangt. Ein Lieferant kalkuliert seine eigene Struktur. Ein Entsorger nutzt seine eigene Materialklassifizierung. Die eigentliche Arbeit ist nicht, Preise zu vergleichen, sondern die Angebote überhaupt erst vergleichbar zu machen.
Ein Beispiel aus einer realen, anonymisierten Analyse: Ein Leistungsverzeichnis fragt einen kompletten Schacht „inklusive Lüftung, Schmutzfänger und Steigeisen“ als eine Position ab. Ein Materiallieferant bietet den Grundschacht für 1.655,90 €, die Lüftung als Zuschlag (+35,00 €), den Schmutzfänger als weiteren Zuschlag (+35,00 €) und die Steigeisen separat (+15,50 €). Der vergleichbare Preis existiert im Angebot gar nicht, er muss erst errechnet werden: 1.741,40 €.
Und es wird noch heikler. Ein Bieter kann in der Endsumme deutlich günstiger wirken, nur weil er weniger Positionen bepreist, nicht weil er wirklich günstiger ist. Vergleicht man ausschließlich die Positionen, die alle Bieter angeboten haben, schrumpft der Abstand oft auf einen Bruchteil.
Was gute Angebotsprüfung wirklich verlangt
Ob mit Tabellen oder mit Software: Eine belastbare Angebotsprüfung muss vier Dinge leisten, die im manuellen Prozess regelmäßig untergehen.
- Zuordnung statt Nebeneinander. Jede Bieterposition muss der richtigen LV-Position zugeordnet werden, auch wenn sie aus mehreren Bausteinen zusammengesetzt oder auf mehrere LV-Zeilen aufgeteilt ist.
- Vergleichbare Preise berechnen, transparent. Der vergleichbare Einheitspreis entsteht oft erst durch Addition von Zuschlägen. Jede Rechnung muss nachvollziehbar bleiben.
- Nichts verlieren. Optionen, Nebenpositionen, Logistikkosten und Positionen aus anderen Vergabeeinheiten tragen Information. Im manuellen Prozess fallen sie meist durchs Raster.
- Lücken sichtbar machen. Welche Position deckt welcher Bieter nicht ab? Wo ist eine Alternative technisch zu bewerten, bevor der Preis zählt?
Wohin die Reise geht
McKinsey beziffert das Potenzial von KI und Automatisierung im Einkauf auf 25 bis 40 % mehr Effizienz; rund die Hälfte aller Beschaffungstätigkeiten gilt als automatisierbar. Für die Angebotsprüfung heißt das nicht, dass eine Maschine die Vergabeentscheidung trifft. Es heißt, dass das Zuordnen, Zusammenrechnen und Lücken-Markieren nicht mehr Tage dauern muss, sondern Minuten.
Quellen
- McKinsey, „Delivering on Construction Productivity Is No Longer Optional“ (2024)
- McKinsey, „The Strategic Era of Procurement in Construction“ (2023)
- DIW Berlin, „Trendwende in der Bauwirtschaft in Sicht“, Wochenbericht 1+2/2025
- IW Köln, „Internationale Produktivitätsunterschiede in der Bauwirtschaft“ (2025)
- 30/70-Regel und Schacht-Beispiel: interne Arctis-AI-Analyse echter Bau-Ausschreibungen.
